Internationale Kommunistische Partei

Die Diskussion zu Ende führen

Kategorien: Italy, Opportunism, Social Democracy

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Verschiedene Seiten machen sich Sorgen darüber, das der nächste Parteitag eine endlose Debatte führen
könnte und es wird der Wunsch geäußert, die ach so theoretischen Fragen doch beiseite zu lassen. Es sind
durchaus gegensätzliche Strömungen, die die abscheuliche Theorie verpönen: Da sind einmal die Anhänger der aktuellen, bzw. einer noch weiter nach rechts drängenden Parteirichtung, die die Auseinandersetzung, genauso wie den Parteitag selbst, verhindern wollen. Sie fürchten Meinungsverschiedenheiten, welche, wie sie sagen, die Einheit der Partei gefährden könnten – lies: sie fürchten einen Erfolg der radikalen Kräfte. Einige der letzteren ihrerseits, insbesondere aus der Arbeiterschaft, zeigen ebenfalls mit der Theorie nicht gut Freund zu sein. Diese wirklich guten Genossen wollen nicht lange fackeln, sie wollen mit gewissen Bedenken kurzen Prozess machen und ohne langes Gerede zu Entscheidungen kommen; es lässt sich nicht unbedingt von der Hand weisen, dass es gerade diese gestählten Genossen sind, die ein paar prinzipielle Aussagen erfordern, bevor man sich den radikalen, von ihnen beschworenen praktischen Bestimmungen zuwendet.

Diese verständliche, doch deshalb nicht berechtigte Abneigung einiger Proletarier gegenüber theoretischen Fragen kommt daher, dass sie die Abweichungen von den richtigen sozialistischen Leitlinien und den daraus hervorgehenden Widerstreit zwischen verschiedenen Strömungen einer theoretischen Diskussionswut zuschreiben, von der nur Intellektuelle befallen seien; dass die wirklich Schuldige gerade die sich jeden Tag prostituierende Madame Praxis ist, sehen sie nicht…

Diese Genossen werden schnell begreifen, dessen sind wir uns sicher, wie unbefriedigend vom revolutionären Standpunkt aus eine Entscheidung ist, sei sie auch in ihrem Sinne, die nur auf tagespolitisch-praktischen Bewertungen beruht, statt auf höchsten prinzipiellen und methodischen Aussagen, die sich die Partei definitiv wird zu eigen machen müssen.

Nun also einige Worte, um jenen anderen Gegnern der Theorie zu entgegnen, denjenigen, die den Parteitag bloß formell abzuhalten wünschen, denjenigen, die vorschlagen, sich die theoretischen Probleme zu sparen und die Einheit der Partei über alles zu stellen; so den Kopf in den Sand steckend, haben sie nur den Vorschlag zu machen, die Praktiker-Taktik des In-den-Tag-hinein-lebens zu befolgen.

Sie scheinen zu glauben, den innerparteilichen Divergenzen lägen bloße abstrakte Fragen zugrunde und irgend jemandem habe es einfach Spaß gemacht, sie vom Limbus der Metaphysik in unsere Mitte zu tragen.
Was soll es bringen, über den Begriff des Vaterlandes zu diskutieren?… Aber, hochverehrte Genossen, die Debatte hat gar nicht so angefangen, sondern sich auf dem Boden der Praxis gezeigt, sei es hinsichtlich der im eigenen Land zu entfaltenden Tätigkeit oder der in den internationalen Aktivitäten und Beziehungen zu verfolgenden Methode. Das beste, was man tun kann, um den praktischen Dissens, den wir euphemistisch mit „nach rechts oder nach links gehen“ bezeichnen, weiter zu schüren und für die wirkliche Einheit der Partei verhängnisvoll werden zu lassen, ist, ihn einfach zu übergehen und die Beschlüsse Herrn Zufall, Fräulein Ereignis, Euer Exzellenz Situation und der Heiligen Zweckmäßigkeit zu überlassen.

Die ehrliche, offene und mutige Art und Weise hingegen, die Situation zu lösen, ist hingegen zu bestimmen, ob die eine oder die andere Strömung dem Parteiprogramm treu ist und seiner Zielsetzung folgt. Und da taucht dann nicht nur die Frage mit dem Vaterland auf, sondern auch jene Fragen, die sich auf die Nationalität beziehen, über die Verantwortung der Regierung, die unterschiedliche Entwicklung der bürgerlichen Staaten, kurz gesagt, wie die Sozialisten den Krieg erklären, wobei dann sofort wieder die alte Divergenz der beiden Schulen, der zwei Seelen, der zwei Richtungen des Sozialismus aufs Tapet kommt.

Schon sind wir mitten in der theoretischen Frage.

Man muss einsehen, dass es an der Zeit ist, sich ihr zu stellen und sie zu lösen, um sich dann auf dem Gebiet der Aktion sicher bewegen zu können. Es ist wirklich höchste Zeit: Nach Dutzenden von Versammlungen und Sitzungen der Leitungsorgane, die zwar seit nunmehr drei Jahren mit einstimmig gefassten Beschlüssen enden, jedoch die gegensätzlichen Richtungen in einem Potpourri verquicken, das, als Ergebnis, vage ist und keine klaren Linien aufweist.

Oft wird vorgebracht, wir würden in einer furchtbaren und tragischen Zeit leben, in der die gewaltigen Geschehnisse alle Ideologien durcheinander rüttele, und diese Realität erzwinge, dass wir uns sammeln und der Dinge harren. Es sei heutzutage unmöglich theoretische Leitlinien festzulegen, da sie durch unvorhersehbare, überraschend eintretende Ereignisse jederzeit wieder umgestoßen werden könnten. Daher die Schlussfolgerung, es sei nötig, dass sich die Parteiaktion nach situationsbedingten Erfordernissen zu richten habe statt sich von Prinzipien leiten zu lassen.

Der Reformismus hat nicht auf den Krieg gewartet, um seinen Verzicht auf den Sozialismus zu erklären und sich auf seine treffliche von vornherein feststehende Kritik als Richtschnur zu verlassen, um mit gelöschter Laterne in das Zwielicht des bürgerlichen Lebens vorzudringen, dessen Phänomene er gemäß den sanften Einflüsterungen des gesunden Menschenverstands deutet, oder um sich an seine zwangsläufigen Kehrtwenden anzupassen. Es ist nicht verwunderlich, dass er – sich hinter dem Dröhnen der Schlachtfelder vorwärts tastend oder den Blitzen der Explosionen folgend, die in gewissen Abständen das Dunkel zerreißen – darauf zählt, so die Finsternis der Kriegszeit überstehen zu können.

Diese Methode hat dem Proletariat sowohl in den Kriegsjahren als auch in denen des Friedens bittere Enttäuschungen beschert, und noch schwerere hat es zu erwarten, wenn sich ihrer auch weiterhin bedient
wird. Es ist die beste Methode, sich zum Spielball zu machen, sei es eines Giolittis, des Präsidentenpalastes, der Blockbildung, oder auch des 4. August, der „Heiligen Union“ oder… das 14-Punkte-Programm Wilsons.

Sicher, der Krieg hat große Wahrheiten und neue Gesichtspunkte enthüllt. Aber, das Argument noch auf
den Lippen, wagen wir auch zu sagen, dass das Licht, das vom Feuer des Krieges unter die Menschen
gebracht wurde, sich zu dem Licht, das die kritische sozialistische Methode in das Dunkel der bürgerlichen Borniertheit und Lügen bringt, verhält wie die unheimlichen Reflexe einer Feuersbrunst zum Sonnenlicht.

Stets muss der Sozialismus dem Wegweiser seiner Prinzipien folgen. Sie sind keine aprioristischen Dogmen, sondern die Ergebnisse einer besonderen, für uns reines Metall bildenden Untersuchungsmethode. Und das heißt nicht, dass der Sozialismus nichts mehr aus den Tatsachen, namentlich denen des Krieges, zu lernen hätte; diese sind vielmehr Material zur beständigen Überprüfung seiner Richtigkeit und sie nützen zur immer weiteren Ausarbeitung seiner Korollarien.

Eine Parteivorhut muss „die Tatsachen aufmerksam verfolgen“, aber sie darf nicht sagen: die Ereignisse werden mein Programm diktieren. Die Ereignisse können ihr nur den mehr oder weniger großen Bewe gungsspielraum bei der Verwirklichung des Programms zeigen, das ihr Daseinsgrund ist.

Wenn der nächste Parteitag damit enden sollte, die neue Parteileitung bestimmen zu lassen, ob –je nach der dann bestehenden Lage – nach rechts oder links marschiert wird, würde dies in der Geschichte der Sozialistischen Partei einen Rückschritt, einen Fehltritt in die Falle des Reformismus bedeuten. Der Kongress hat hingegen eine klare Direktive zu geben und vor allem deutliche Worte zu dem Vorhaben zu sagen, der Parteiaktion gewisse Schranken zu setzen, die nicht aus praktischen Gründen, sondern gerade aus
theoretischen Erwägungen heraus errichtet werden – Erwägungen, die wir für falsch und willkürlich halten und die einer bloßen Interpretation des sozialistischen Programms und der sozialistischen Methode geschuldet sind.

Der Parteiführung hat der Kongress eine genaue Aufgabe zuzuweisen, indem ihr anvertraut wird, die Parteikräfte im Verhältnis zu den Ereignissen einzuschätzen, … [die nächsten 2 Zeilen wurden zensiert]. All das wird sich nicht machen lassen, ohne die Auseinandersetzung – frei von rhetorischem Pathos, aber auch von ängstlicher Zurückhaltung – wirklich zu Ende zu führen.